Montag, 18. April 2016

Materialkunde: ROCAILLES PRODUKTION

Auch wenn ich diesen Beitrag nicht mit allzu vielen schönen bunten Bildern verstehbarer machen kann (weil es schlicht nicht erlaubt ist, in Fabriken Fotos zu machen - wenn man denn überhaupt Zutritt zu einer Produktion bekommt), ist es mir ein Anliegen darüber zu schreiben, wie Rocailles Perlen hergestellt werden - nach meinem Wissensstand, den ich mir im Lauf der Jahre aus vielen Quellen und Gesprächen mit Herstellern - hoffentlich wurde ich nicht angeflunkert :) zusammengetragen habe. Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf 100%ige Richtigkeit und auch nicht auf Vollständigkeit - aber er ist mehr als die allermeisten wissen :).


Er wird hoffentlich anschaulich machen, warum es - selbst bei den präzisesten Perlen - dazu kommen kann, dass in einer Packung auch mal einzelne Perlen sind, die einem unregelmäßig erscheinen - weil es sich aufgrund der Art der Herstellung zwar hochgradig aber eben nicht zu 100% vermeiden lässt.

Basis für die Herstellung von Perlen sind immer Glasstäbe (glass rods). Glass rods gibt es in kleinen Varianten (wie sie z.B. auch bei der Herstellung von Lampworkperlen verwendet werden), aber auch groß - auf dem 1. Foto sind solche "großen" glass rods zu sehen ... sie sind 1 Meter lang und ca. 4 cm im Durchmesser. Wie glass rods hergestellt werden sehen Sie bei einem Video-Link zum Youtube-Kanal von Preciosa Ornela  am Ende dieses Beitrags.







Auf dem 2. Foto sieht man Glasstäbe wie sie z.B. für die Herstellung all der handgefertigten Cabochons in meinem Shop seinerzeit verwendet wurden - mein Kugelschreiber gibt eine Vorstellung davon wie dick sie sind.



1. Schritt der Produktion - Herstellung der glass canes

Für die Herstellung von Rocailles wird Glas (also oben gezeigte große Stangen in einer Menge von ein paar hundert Kilo)  in einem Glasofen geschmolzen. Nach dem Austritt aus dem Glasofen wird Druckluft in den zähflüssigen Glasstrang eingeblasen wodurch ein Loch im glass cane entsteht (unser späteres Fädelloch). Dieses dünne Glasrohr wird von einer Maschine aus dem Ofen gezogen. Unmittelbar vor der Maschine befindet sich eine Lasermessstation, die den Durchmesser des dünnen Glasrohrs misst. Ist der Durchmesser zu klein für die Perle die produziert werden soll, dreht die Maschine schneller (und zieht das Glas damit in die Länge, das Röhrchen wird also dünner). Ist der Durchmesser zu dünn, fährt man langsamer und das Glasröhrchen wird dicker. Eine Stelle wo so böse, böse Unregelmäßigkeiten passieren können, daher hat die Industrie Schwankungsbreiten/Toleranzgrenzen um die es vom exakten Durchmesser der Perle abweichen darf. In der Regel sind das +/- 0,1 mm.

Unmittelbar nach dieser Maschine (man darf sich vorstellen, dass das dünne Glasrohr jetzt durch die ganze Fabrikshalle liegt ...also sehr lang ist) wird das Glasrohr in Stücke von einem Meter geschnitten. Das Glas ist zu diesem Zeitpunkt immer noch so heiß, dass man es nicht anfassen kann. Arbeiter bündeln es dann mit Schutzhandschuhen und stapeln es auf Paletten für die weitere Verarbeitung. Im unten angeführten Video kann man solche Bündel dann im Lager liegen sehen. Zuerst fertig lesen, dann gucken....damit man versteht was man da sieht... ;-)


2. Schritt der Produktion - Hacken der glass canes

Die Bündel dünner Glasrohre werden in einer Maschine ausgerichtet sodass alle längs und die Enden schön in einer Reihe liegen. Danach werden die feinen Glasrohre in Stücke gehackt ...also die späteren Perlen werden vom Glasrohr-Bündel gehackt (wie mit einem Fleischerbeil, oder bei einer Papierschneidemaschine....wer es brutaler sehen will, darf an ein Fallbeil denken.... :)  ....nicht einzeln von Hand abgeschnitten mit dem Lineal ;-). Für Rocailles werden kürzere Stücke abgehackt als für Bugle Beads (Glasstifte). Bugle Beads sind an dieser Stelle der Produktion bereits fertig - außer man würde sie zusätzlich veredeln wollen.





Rocailles sind noch nicht fertig, wir wollen sie ja gerne rund und ohne scharfe Kanten am Fädelloch. Wichtig ist hier zu merken - wie das meinem Mann seinerzeit erklärt wurde bei unserem ersten Besuch in Gablonz vor vielen Jahren, während er plauderte und ich die Regale gierig ausräumte....also Männer tratschen miteinander, Frauen plagen sich derweil mit schweren Kisten.... macht sehr müde, aber auch extrem viel Spaß :)  "jede Rocaille ist vorher einmal ein (kurzes) Stäbchen/Bugle gewesen". Gleichzeitig verstehen wir an dieser Stelle warum die Ränder von Bugle Beads so sind, wie sie sind, nämlich scharfkantig und ab und zu ist mal ein Rand ausgebrochen - erstaunlich selten eigentlich, wenn wir mal ganz ehrlich sind.



3. Schritt der Produktion - Erneutes Erhitzen

Die kleinen Stücke der Glasröhrchen werden mit einer weißen Masse (Industriegeheimnis, daher kennen wir die Zusammensetzung nicht - Carbonpulver + ?) in einer Maschine (in der sie rotieren - ähnlich wie Mörtel in einer Mischmaschine) erneut erhitzt. Die geheimnisvolle weiße Masse erhöht die Oberflächenspannung des Glases. Das bewirkt, dass zu dem Zeitpunkt wo die Perle wieder heiß und zähflüssig wird, die Oberflächenspannung so hoch ist, dass die Perle nicht zerfließt oder das Fädelloch verschwindet..... als wäre die ganze Oberfläche eine Schale, die das Glas am Auslaufen hindert. Stellen Sie sich einen Tautropfen im Garten vor...er steht da als Tropfen, obwohl Wasser wegfließen könnte ... weil er eine Oberflächenspannung hat, die ihn zusammenhält. Ja richtig :) ...das haben wir alle schon mal irgendwann in der Schule gehört ;-)

Die Perle geht dabei in die Breite und die Kanten schmelzen ein - sie erhält also auf diese Weise ihre charakteristische Donut-Form und manchmal ist halt ein Stückchen dabei (wir erinnern uns an das Abhacken der glass canes im 2. Schritt) das ein klein wenig anders ist und es entsteht eine Perle die wir  "unregelmäßig" nennen.

Ich kann aus meiner inzwischen jahrelangen Erfahrung versichern, dass alle Hersteller wirklich extrem bemüht sind, ihre Produkte jeden Tag noch besser, vielfältiger und schöner zu machen. Allerdings ändert das nichts daran, dass es eben keine anderen Methoden gibt, die uns Perlen mit dieser Optik zu einem Preis bescheren, den irgendjemand auch bezahlen kann.
Daher ist meine persönliche Meinung dazu, dass ich hoch erfreut bin, dass wir wunderschöne und gleichzeitig erschwingliche Perlen haben anstatt ein vollkommen unleistbares Hobby. Und wenn bei 50 Gramm 11-er Rocailles unter den 6000 Perlen einmal 50 oder 100 sind die mir nicht gefallen, stürzt meine persönliche Welt nicht zusammen ...und andere Welten auch nicht, wenn man ehrlich ist .....anders wäre es, wenn es keine Perlen gäbe ;-)  Die Perlenkunst hat viele Jahrhunderte überlebt und wird auch nach uns allen weiterleben -  trotz einzelner "schiefer" Perlen :). Ich übe mich - was im Leben ganz generell immer empfehlenswert ist - in Gelassenheit, weil ich weiß, dass objektiv betrachtet die Fehlerquote der führenden Hersteller bei +/- 1 % liegt.
Ich habe auch alte Perlen gesehen, wo die Produktionsmethoden noch deutlich weniger ausgereift waren als heute ....vor einigen Jahrzehnten war es normal, dass man die Hälfte aussortieren musste. Unter anderem deshalb werden relativ wenig Vintage Perlen verkauft auch wenn es sie gäbe ...sie würden unseren heutigen Ansprüchen nicht genügen.

Zurück zum Thema .... wenn die Perlen aus dieser Maschine kommen sind sie natürlich nicht sauber sondern von der weißen Schlacke überzogen. Sie werden daher danach gereinigt - erst in einem Säurebad und später mit Wasser gespült und getrocknet.


4. Zum Abschluss geht es in die Qualitätskontrolle. Die Perlen laufen über ein Fließband und werden von kleinen "Stacheln" quasi aufgespießt. Bei diesem Arbeitsgang werden Perlen ohne Loch automatisch aussortiert, weil sie eben nicht aufgespießt werden können.





5. Ja und dann wäre da noch die Sache mit der Oberflächenveredelung.....die Unzahl von Finishes und Spezialeffekten, die es heutzutage gibt und die uns eine solch irrsinnige Vielfalt an tollen Perlen bescheren. Dazu später mehr in einem Kapitel über die Farben in und auf Glas.





Insgesamt hoffe ich, mit diesem Artikel darüber aufgeklärt zu haben, dass Rocailles zu keiner Zeit in Formen gepresst werden und dass es durch die oben beschriebenen Prozesse klar wird, dass an manchen Stellen einfach naturgegeben Unregelmäßigkeiten entstehen können - wenn das Glas fast die ganze Zeit hindurch ein heißer und flüssiger Werkstoff ist - ohne in einer Form zu sein, der es sich anpassen muss, sodass wirklich alle zwangsweise genau gleich wären.

Ein Video in dem man erkennen kann, wie das Ausgangsmaterial für Perlen (glass rods) hergestellt wird, gibt es auf dem Youtube-Kanal von Preciosa Ornela.

Link zur Herstellung von glass rods: https://www.youtube.com/watch?v=6MNYhCu3hAs

Ein Video in dem man kleinste Ausschnitte aus der Perlenproduktion sieht, finden Sie ebenfalls dort. Zusammen mit diesem Artikel werden Sie sich besser vorstellen können, was Sie da in kleinen Ansätzen sehen können. Man kann sich zumindest die Herstellung der glass canes besser vorstellen, wie diese feinen Röhrchen aussehen und wie sie gelagert werden. Viel Spaß!

Link zur Herstellung von Rocailles:  https://www.youtube.com/watch?v=vbpD0cg7qpg

Miyuki nimmt auf der Website Bezug nur Herstellung der Perlen: https://www.miyuki-beads.co.jp/english/seed/06.html

(c) Heidi Neuwirth
April 2016





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